Effi Briest: Der Roman von Theodor Fontane als freies Online Buch

 

I 1 2 3 4 5
II 6 7 8
III 9 10 11 12
IV 13 14 15 16 17 18 19
V 20 21 22 23 24
VI 25 26 27 28 29 30
VII 31 32 33 34 35
VIII 36 37 38 39
IX 40 41 42 43 44 45 46
X 47 48 49 50 51 52 53
XI 54 55 56 57 58
XII 59 60 61 62 63
XIII 64 65 66 67 68 69 70
XIV 71 72 73
XV 74 75 76 77 78 79
XVI 80 81 82 83 84
XVII 85 86 87 88 89 90
XVIII 91 92 93 94 95 96
XIX 97 98 99 100 101 102
XX103 104 105 106 107 108
XXI109 110 111 112 113 114
XXII 115 116 117 118 119
XXIII 120 121 122 123 124 5
XXIV 126 127 128 129 130
131 132 133 134
XXV 135 136 137
XXVI 138 139 140
XXVII 141 142 143 144
XVIII 145 146 147
XXIX 148 149 150 151
XXX 152 153 154 155
XXXI 156 157 158
XXXII 159 160 161 162 163
164 165 166
XXXIII 167 168 169
XXXIV 170 171 172 173
XXXV 174 175 176 177 178
XXXVI 179 180 181 182

Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in Kessin. Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's zurückverlangt; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht fiel, wurde ihr mit einemmal wieder bang, und sie sagte leise: »Solch fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht.«
Ja, ein paarmal während ihrer Hohen-Cremmer Tage hatte sie Sehnsucht nach dem »verwunschenen Hause« gehabt, alles in allem aber war ihr doch das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen. Mit Hulda freilich, die's nicht verwinden konnte, noch immer auf Mann oder Bräutigam warten zu müssen, hatte sie sich nicht recht stellen können, desto besser dagegen mit den Zwillingen, und mehr als einmal, wenn sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz aus dem Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann glückliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und in dem Gefühl »jetzt stürz ich« etwas eigentümlich Prickelndes, einen Schauer süßer Gefahr empfunden. Sprang sie dann schließlich von der Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank vor dem Schulhause und erzählte, wenn sie dasaßen, dem alsbald hinzukommenden Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das halb hanseatisch und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow und Hohen-Cremmen sei.
Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im Jagdwagen; allem voran aber standen für Effi doch die Plaudereien, die sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte. Sie saßen dann oben in der luftigen großen Stube, Roswitha wiegte das Kind und sang in einem thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand recht verstand, vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest aber rückten ans offene Fenster und sahen, während sie sprachen, auf den Park hinunter, auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos über dem Tisch standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest neben dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las. Immer wenn er umschlug, nahm er zuvor den Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter hinauf. Kam dann das letzte Blatt an die Reihe, das in der Regel der »Anzeiger fürs Havelland« war, so ging Effi hinunter, um sich entweder zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu schlendern. Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kiesweg her, an ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten lassen, eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front und einem dito Wellington auf der Rückseite.
»Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin«, sagte Briest, »und begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei?«
»Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht. Das ist ausgeschlossen denn wir haben bloß einen kleinen Garten hinter dem Haus, der eigentlich kaum ein Garten ist, bloß ein paar Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei, vier Obstbäumen drin. Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr lange mehr in Kessin zu bleiben.«
»Aber Kind, du mußt doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist du doch gewöhnt.«
»Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wäldchen, das sie die Plantage nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit mir.«

© 2008 - Impressum - Datenschutz - Zusammenfassung - Hintergrund
Effi Briest - Der Roman von Theodor Fontane aus dem Jahre 1895 mit allen 36 Kapiteln als Online Buch zum freien lesen.